01.05.2011

Sonntag

Nachdem wir den Brüsseler Platz verlassen hatten, wandten wir uns dem Grüngürtel zu. Wie meist zu dieser Zeit, kurz vor Dämmerung, saßen auf dem Mäuerchen am Stadtgarten noch Randgestalten. Zusammengekauert, den Blick nach unten gesenkt und nur im besseren Falle traurig darüber, dass es auch diese Nacht wieder nichts geworden war mit den Träumen vom großen, glücklichen Fest.

Am Grüngürtel gingen wir rechts Richtung Fernsehturm, in dessen Schatten tagsüber Griller, Fußballer, Frisbeeakrobaten und Slackliner ihren Geschäften nachgehen. Jetzt gab es nur Karnickel, deren dunkle Schatten lautlos vor uns davon hoppelten. Das "T" des Turms hob sich gestochen scharf und leuchtend rosa gegen den dunkelblauen Himmel des anbrechenden Tages ab.

Wir hatten keine Decke dabei, das Gras war nass vom Tau. Ich setzte mich auf meinen Rucksack, du hast deine Jacke genommen - dir wird nicht so schnell kalt wie mir. Wir lehnten uns aneinander, drehten Zigaretten und warteten auf einen frischen Sonntag.

Einen Sonntag, von dem wir beide erst seit kurzem wussten, dass wir ihn nicht allein verbringen würden wie sonst. Denn auch wenn wir uns sonntags unter Menschen befunden hatten; unter Frühstückern, Freunden oder Familienmitgliedern: Ein bißchen allein hatten wir uns immer gefühlt.

Der erste Jogger kam um halb sieben. Er trug sehr kurze Shorts und hatte guten Grund dazu: Seine Beine waren so kräftig, die musste man einfach ausstellen. Das nahmen wir zum Zeichen, dem Tau nachzugeben: Wir waren längst durchgefroren. Als ich etwas später zuhause saß und Schwarzbrot kauend aus dem Fenster sah, dachte ich: Wie schön wäre das gewesen!