05.08.2010

Einsamkeit und Sex und Mitleid / Helmut Krausser

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Seit längerem habe ich wieder ein Buch in einem Zug durchgelesen - es war spannend, lebendig, unterhaltsam, lesbar. Wir folgen einem satten Dutzend Figuren von Charlottenburg bis Neukölln quer durch Berlin. Versiffte Punks mit obligatorischer Ratte, der alternde Dr. mit seiner Kickbox-Geliebten, ein Callboy und eine Ex-Primaballerina mit Zuckungen, bekloppte Teenager und ein wirklich einsamer Lateinlehrer im Frühruhestand: Alle sind dabei und rühren kräftig in ihren eigenen und den Leben der anderen herum.

Dieses Berlin-Buch ist eine deutsche Antwort auf multi-narative Erzähltechnick wie wir sie aus Filmen wie L.A. Crash oder Magnolia kennen. Es ist sprachlich gewandt und konstruiert wie ein edle Armbanduhr: Alle notwendigen Rädchen greifen ineinander und das manche Fäden einfach ins Leere laufen ist eigentlich umso schöner. Meistens schafft Krausser, was mir in der aktuellen deutschen Literatur vielfach fehlt: Sprache und Inhalt sind authentisch (die Sprache von sogenannten Assi-Türken in Büchern nachzuahmen ist so eine Sache, wobei ich mir gut vorstellen kann, dass der Author, dessen enormer Fleiß durch alle Seiten weht, auch hier ganz genau recherchiert hat).

Ich kann nicht genauer beurteilen, ob Menschen in Deutschland tatsächlich so fühlen und leben, wie sie hier beschrieben werden: Es ist mein eigenes Lebensgefühl nicht - die sind mir alle zu hart, zu unnahbar und auf hoffnungslose, tiefe Art und Weise einsam.
Aber darum geht es ja auch nicht - auch wenn mir die Menschen übertrieben verkopft und hilf- und orientierungslos erscheinen, so fühlt sich doch die Gesamtheit der Geschichte echt an - echter als das meiste, was ich seit langem auf deutsch gelesen habe.

Der Titel wäre auch mit 'Einsamkeit und Sex' ausreichend. Von Mitleid merkt man nur manchmal dünne Ablagerungen zwischen den Zeilen. Aber er ist hymnen-musikalisch und schön. Gibt's bestimmt bald auch auf DVD.

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