07.06.2010

Brüder müsste man sein

Aus dem Tagebuch eines Landstreichers:

Ich saß im Zug und dachte nichts Böses. Das tue ich in Zügen grundsätzlich nicht. Vielleicht sind böse Gedanken zu schwer und kommen mit dem Tempo des Schienenverkehrs nicht mit. Ich saß da also auf der Treppe ins untere Stockwerk des RE1-Doppeldeckers und hatte geschickt den Schienenersatzverkehr umschifft, welcher mir auf der Hinfahrt stundenlang das Gefühl gegeben hatte, auf Reisen zu sein.

In meinem Gepäck befand sich eine Wasserwaage. Ein Meter, gelb. Vor mir eine Horde Bier saufender Reinländer in schwarzen Polohemden: Die waren gut drauf! Ich tippte auf eine Wochenend-Sauftour (es war Sonntag Abend). Die einen sangen aus voller Kehle und gar nicht schlecht, die anderen machten umliegende Frauen an, einer trank schon Wasser und der dickste von allen versuchte, die zwei letzten gemeinsamen Kölsch in einer Kneipe am Deutzer Bahnhof zu organisieren.

Mit gegenüber saß einer, der fand meine Wasserwaage sehr interessant. Sein Blick hing schon etwas schief, vielleicht wollte er deswegen alle zwei Kilometer wissen, ob noch alles im Lote sei. Immer mehr Leute quetschten sich in den Waggon, wir hatten eine Viertelstunde Verspätung. Hinter mir lachte ein Kind im Kinderwagen, oben saß auf der Treppe ein dicker Junge und tat, was einzelreisende Jungen tun: Er tippte auf seinem Handy herum.

Der Organisator kam mit seinen zwei Kölsch so richtig nicht durch: Die Polohemden ließen Deutz links liegen, sie kamen aus der Eifel und wollten zurück zu ihren Ehefrauen. Mein Wasserwaagen-Fan gesellte sich zu mir und traute sich endlich zu fragen, was ich denn mit dem Ding wolle. Ich erzählte ihm natürlich eine wilde Lügengeschichte, die Wahrheit kann doch sowieso keiner vertragen. Seine Geschichte war auch viel interessanter: Die Polohemden, sechs an der Zahl, waren alle Brüder! Sie kamen frisch aus Halle an der Saale, dort waren sie (mit Begleitfahrzeug) 480 Kilometer Rad gefahren. Während in der Eifel die Sonne schien und sich die Ehefrauen in den Schatten verzogen, radelten die Männer durch neun Grad Kälte - das machen die jedes Jahr. Wahnsinn! Brüder müsste man sein!

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