Max Pothmann | Autor | Bühnenbild & Requisitenbau | Köln-Bonn
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18.11.2015

Dem Leben des Tänzers näher kommen


Im Spiegel 44/2015 fand sich unter dem Titel "Qual und Rausch" ein Artikel über die beiden Balletttänzer Joy Womack und Sergei Polunin. Der Artikel ist hier auf englisch zu finden. Die Tanzwelt ist klein und vergleichsweise abgeschlossen. Die große Mehrheit der Menschen hat keine Vorstellung vom Beruf des Tänzers, hat nie Ballett live gesehen, geschweige denn zeitgenössischen Tanz oder Tanztheater.

Gerne würde ich vermitteln können, was für ein Leben man als Tänzer führt. Natürlich kann ich sagen, dass ich während der Ausbildung genausoviel oder mehr trainiert habe, als die meisten Fußball-Profis, aber auch das bleibt vage. Sechs Tage die Woche schwitzen und nach Perfektion streben: Das kann man sich nur schwer vorstellen. Auch ein Buch wie "Dancer" von Colum McCann vermittelt das Lebensgefühl des tänzerischen Alltags nur schemenhaft. Der Artikel von Samiha Shafy entblättert ein Stück weit das Leid und den Druck, dem sich hochklassige Profis aussetzen.

Für mich ist es jetzt ein Jahr her, dass ich meine aktive Arbeit als Tänzer beendet habe. Natürlich war ich von Anfang an in keiner Weise mit Talenten wie Womack und Polunin zu vergleichen, jedoch waren die Strukturen, in denen ich während meiner sechsjährigen Ausbildung gelebt habe, die gleichen. Schwer fiel mir in der Hauptsache das Finden der feinen Linie zwischen dem Streben nach präziser, kontrollierter Technik und dem Sich-gehen-lassen, ohne das lebendiger Tanz nicht möglich ist.

30.01.2013

Christiane Hoffmann im SPIEGEL


Und wieder geistert eins von diesen Gespenstern durch die Presse: Annett Meiritz schrieb im SPIEGEL-online von sexistischer Verleumdung im Umfeld der Piratenpartei. Kurz darauf war im stern ein Artikel von Laura Himmelreich ("Der Herrenwitz") zu lesen, in dem sie eine abendliche Barszene beschrieb. Der Vorsitzende der FDP Bundestagsfraktion, Rainer Brüderle verhielt sich im Januar 2012 der jungen Frau gegenüber mit einer gewissen Anzüglichkeit. Er war offensichtlich alkoholisiert. 

Allein die Tatsache, dass der Artikel mit einem Jahr Verzögerung erscheint, deutet darauf hin, dass wir es hier mit einem Gespenst zu tun haben, das - Gespenster haben das an sich - große Wellen schlagen kann. Täglich finden sich Leserbriefe in den Zeitungen und im Netz. Der Tonus der Männer ist häufig: "Habt euch nicht so!", während die Frauen Benehmen einfordern und das Verhalten des Politikers scharf verurteilen.

Froh war ich, als ich Christiane Hoffmanns Artikel "Hol mich hier raus" in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe las. Die Journalistin war damals, im Janaur 2012 in der Bar ebenfalls zugegen - sie erkannte Herrn Brüderles alkoholisierten Zustand und entschied sich, zu gehen, während Laura Himmelreich blieb und weiter versuchte, mit dem Politiker ins professionelle Gespräch zu kommen.

Frau Hoffmann erläutert, dass wiederkehrendes schlechtes Benehmen gegenüber Frauen schon in der Bonner Republik zum Politikbetrieb gehörte. Es mag damals häufiger gewesen sein als heute. Was jetzt anders wird: Die Frauen sprechen, anstatt herunterzuschlucken, anstatt von einer Scham, die verständlich, aber nicht sachdienlich ist, daran gehindert zu werden, den Dialog zu eröffnen.

Es gelingt Frau Hoffmann, eine plausible Interpretation von Brüderles Verhalten anzubieten ("Es war seine Art, in der Bar nicht über Parteipolitik diskutieren zu müssen") und den Blick auf die Realität zu lenken ("Für junge Journalistinnen, gerade für junge Frauen, ist es nicht leicht, einen vertrauten Umgang mit Politikern zu finden. Das liegt in der Natur der Sache"). Denn so öffentlichkeitswirksam Frau Himmelreichs zwölf Monate alter Artikel auch sein mag - er beschreibt etwas anderes als Annett Meiritz, in deren Fall die Grenzüberschreitungen deutlich schwerer wiegen und eindeutig als Verleumdung zu bezeichnen sind.

An Frau Hoffmanns Artikel gefällt mir die Sachlichkeit, die ich bei auffallend vielen anderen Artikeln vermisse. Zum Beispiel bescheinigt die dem FDP-Politiker die Fähigkeit, mit Frauen durchaus ernsthaft diskutieren zu können. Und sie fragt sich nach den Konsequenzen des stern-Artikels: Werden wir jetzt noch mehr wie Amerika, wo es beispielsweise Tanzdozenten verboten ist, ihre Studenten im Unterricht zu berühren und wo es vielfach undenkbar ist, dass Mann und Frau sich im beruflichen Konext ein Taxi teilen? Das wäre nur ein Umlegen der oben erwähnten Scham. Ein Umlegen in noch mehr Regulierung, mehr Verbote, Tabus und wachsende, statt überwundene Fremdheit.

Wir diskutierten gestern hitzig in der WG-Küche und nahmen unsererseits teil am Wellenschlagen. Mein Mitbewohner Elí brachte es auf den Punkt: Was Frau Himmelreich beschreibt, wäre zwischen ihr und Herrn Brüderle persönlich zu verhandeln. Auch wenn Herr Brüderle - und das mag eine Schwäche sein, an der wir alle arbeiten können - das persönliche Aussprechen offenbar nicht nur mit ihr zu vermeiden sucht.

06.10.2012

J.K. Rowling im SPIEGEL

Weiter unten folgt ein Zitat von J.K. Rowling, deren neues Buch "Ein plötzlicher Todesfall" am 27. September erschien. Das Zitat stammt aus einem Interview des SPIEGEL-Magazins mit der Autorin (Ausgabe 24.09.2012). 

Die Aussage dieses Zitats liegt mir am Herzen. Es ist nicht großartig formuliert - ohnehin geht durch die Verschriftlichung und Übersetzung vieles verloren. Trotzdem:

Es ist eine unangenehme Tendenz im menschlichen Miteinander, dass wir mit immer weniger Empathie aufeinder schauen. Stattdessen urteilen wir über andere, über die wir eigentlich gar nicht urteilen können, weil wir sie viel zu wenig kennen. [...] Ich glaube, dass mangelnde Empathie der Grund vielen Übels ist. Und ich glaube, das zerrüttet die Gesellschaft.

Warum mir das am Herzen liegt?

Ich glaube daran, dass wichtige Dinge im Kleinen beginnen. Längst bestimmt menschliches Verhalten große Teile unserer Umwelt; im Sozialen, wie im Materiellen. Wenn wir alle im Kleinen energie- und wasserbewusst handeln würden, dann gäbe es das Wort "Klimakanzlerin" wahrscheinlich nicht. 

Genau das höre ich aus Rowlings Zeilen heraus: Die Welt ist in vielerlei Hinsicht ein harter, beschissener Ort, an dessen Wegrändern Elendsgestalten im Schatten hocken, ihre Hand ausstrecken und hoffen, dass jemand etwas hineinwirft, dass jemand ihnen hilft. Sie wäre sicher weniger beschissen - ich schließe mich da voll und ganz mit ein ein - wenn es etwas mehr Empathie gäbe.

27.08.2012

Brendel | Widersprüche

In einem Interview mit dem SPIEGEL benannte der mittlerweile 81jährige Pianist Alfred Brendel die Widersprüche seines Berufs:

Brendel: Wer nur für das Publikum spielt, der sollte zuhause bleiben. Das würde doch bedeuten, dass man zum Publikum hinunter spielt, statt das Publikum zu animieren, heraufzuhorchen. Man spielt für sich und das Publikum... In diesem Beruf stecken so viele Widersprüche.
Spiegel: Welche?
Brendel: Man spielt und muss zugleich vorausdenken. Man muss sich selbst hören und sich zuhören und zugleich für die Ohren der Leute in der letzten Reihe spielen. Man muss sich kontrollieren und sich vergessen. Man hat einen genauen Plan und muss sich trotzdem offenhalten.
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Die Herausforderungen die das Tanzen an mich stellt, empfinde ich als ebenso breit gespreizt: Das Spannungfeld zwischen Publikum und mir selbst, zwischen Kontrolle und Selbstvergessenheit, zwischen Technik und emotionalem Ausdruck erweist sich als immer wieder neu zu knackender Knoten. Wie pflegte unsere Professorin Malou Airaudo zu sagen?

"To be free doesn't mean to be all over the place!"