Max Pothmann | Autor | Bühnenbild & Requisitenbau | Köln-Bonn
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09.07.2011

Allein Reisen

Auf der Rheinfähre

Wir alle wissen, dass Alleinsein ungesund sein kann. Im Gegensatz zur Isolation des Sesshaften, die bereits nach drei Tagen einsetzen kann, ist das Alleinsein auf dem Rad ein gutes.

Während der ersten Woche erlebte ich das klassische Lösen von Frustrationsablagerungen. Im Yoga ist es eine altbekannte Tatsache, dass seelische Spannungen im Gewebe des Körpers gespeichert werden. Besonders Frustration und Wut wandern in die Beine. Diese Ablagerungen; alte, ungute Gedanken, versteckter Streit, Starre und Wut, kamen in den ersten Tagen in Form teilweise äußerst beschissener Laune zum Vorschein. Das habe ich auch bei früheren Reisen erlebt, es aber noch nicht als natürlichen Vorgang erkennen können. Oft waren Spannungen mit Reisegefährten die Folge.

Nach einer Woche hatte sich mein System gereinigt. Raum für Gedanken aus der Warteschleife entstand. Vieles wird im städtischen Stress so oft als nicht wichtig klassifiziert und nach hinten geschoben, dass es irgendwann gar nicht mehr nach vorne kommt. Radelnd befreit sich der Kopf. Den Rhein-Rhone-Kanal zur linken, den Himmel über dem Kopf und die lange, gerade Linie des Weges vor mir, räumte er sich auf wie ein chaotisches Zimmer, in dem jedes Teil seinen Platz findet.

Wer länger allein reist, dem begegnen mit der Zeit die Menschen ganz von selbst. Leute kamen von sich aus auf mich zu - es musste sich etwas an meiner Ausstrahlung geändert haben, denn sonst ist das nicht der Fall.

Mit zwei oder mehr Leuten unterwegs zu sein bietet grundsätzlich Vorteile gegenüber der Solonummer. Allerdings lernt man ganz andere Sachen. Allein auf der Straße unterwegs zu sein, macht es buchstäblich möglich, an sich zu arbeiten, - ein Ausdruck, der so verbraucht ist, dass ich jetzt 5€ ins Phrasenschwein werfen muss.

Durch die vom sonstigen Lebensalltag losgelöste, erhöhte Bewusstheit kann man den Instinkt entwickeln. Wir alle tragen wesentlich mehr davon in uns, als wir wissen - vielleicht wissen wollen (nochmal 5€...). Zwar versuche ich auch im Alltag, meiner buchstäblichen Nase zu folgen, aber das erweist sich immer wieder als sehr schwierig. Die Zahl der Eindrücke gepaart mit der Unruhe, welche das urbane Leben mit sich bringt, machen es fast unmöglich, noch zu wissen, welchem Impuls man eigentlich gerade folgt. Sind es Gedanken? Sind es Ängste oder einach nur Triebe?

Ich habe versucht, mehr meinem Gespür als meinen Gedanken zu folgen und nicht die Trägheit, die sich stets den Weg des geringsten Widerstandes sucht, sprechen zu lassen. Das zahlt sich aus. Man mag es nennen, wie man will - Zufall, positives Denken, ein Geführt-Sein, von mir aus auch Gott. Sich dem Weg zu öffnen lässt einen genau jene Zimmer betreten, in denen die nächstliegenden Aufgaben und Freuden bereit stehen. Manchmal geht das am besten, wenn man die Straße allein betritt.

08.07.2011

Reisebilder #1

Hier war er endlich, am dritten Tag: Der Rhein-Rhone-Kanal, der mich bis Chalon sur Saone begleiten sollte.

Lyon kennt man oft nur als unbequemen Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt selbst liegt wunderschön an den Hängen des Flusstals. Im Kontrast zur alten Bausubstanz steht das neue Hafengelände mit spektakulär schöner Architektur.

Zwei Tage lang fuhr ich in Sichtweite der Alpen. Ganz schwach sieht man sie im Morgendunst.

Nimes. Nachdem ich einen Höhenzug überquert hatte, war ich klimatisch gesehen wirklich im Süden. Hier bließ der Mistral. Feuer verboten.

Mein erster freier Blick auf das Meer in La Grande Motte, einer Touristenstadt.

07.07.2011

Kilometer zählen

Straight Views

Man zählt sie eben doch, die Kilometer. SEHR viele Leute (meistens Männer) sagten, man würde ja locker 100 Kilometer pro Tag fahren. Diese Leute möchte ich mal sehen. Man kann schon 100 Kilometer pro Tag fahren. Aber wenn man sein halbes Körpergewicht unterm Sattel hat, und auch den nächsten und übernächsten Tag halbwegs bequem sitzen will, dann ist das nicht so einfach.

Ich habe keinen Fahrradcomputer. Also weiß ich nie, wie weit ich gefahren bin und wie schnell. Meine Karte gibt Entfernungen zwischen Knotenpunkten an, so dass ich die Etappen ungefähr überschlagen kann. Die durchschnittliche Geschwindigkeit lag stabil bei etwa zehn Kilometern pro Stunde, Pausen und Einkaufen eingerechnet (hinterher war ich ein bißchen schneller). Daraus folgt, dass jede Tagesetappe über 80 Kilometer am nächsten Tag ein Stück zu tief in den Beinen steckt. Geschweige denn, der Wind bläst den ganzen Tag stark von vorn oder die Strecke enthält viele Steigungen.

Zum Glück trägt sich das Gewicht mit der Zeit leichter. Am Anfang habe ich gestöhnt und tatsächlich jeden zweiten Kilometer als Kampf empfunden. Sturmartiger Gegenwind, Steigungen, Regen, müde Beine von schlechtem Schlaf: Hier ist kein Ponyhof.
Irgendwann spürt man nicht mehr, dass das Rad unter einem doppelt so schwer ist wie sonst. Man fährt einfach. Man fährt stetiger und ruhiger, wird gleichmütiger und natürlich auch kräftiger.

Trotzdem denkt man während der Fahrt viel an die zurückgelegte Distanz. Wie weit bin ich jetzt wohl gekommen? Beim nächsten Mal werde ich wohl einen Tachometer ans Rad anschließen.

Meine Route verlief grob gesprochen von Baden-Baden über Strasbourg, Mulhouse, Chalon sur Saone, Taizé, Lyon und Nimes bis nach Armissan bei Narbonne. Ich folgte erst dem Rhein-Rhone-Kanal bis zur Saone. Die fuhr ich nach Süden bis zur Rhone, von der ich anderthalb Tage vor Nimes abbog. Dass da ein Höhenzug im Weg lag, hat sich gelohnt. Die Aussicht war spitzenmäßig. Und bergab hatte ich auch noch Rückwind, so dass ich lange Zeit Höchstgeschwindigkeit fahren konnte.

Der Routenplaner von Google gibt für meine Strecke nach Etappenzielen über Landstraßen exakt 1000 Kilometer an (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen). Ich bin wahrscheinlich etwa 1.100 Kilometer gefahren - wenn man die Radfahrerumwege, das Verfahren sowie die Strecken innerhalb der Städte mit einrechnet. Das ergibt bei 18 Reisetagen einen Schnitt von 60 Kilometern pro Tag.

Wie kommt der Mythos von den 100 Kilometern zustande? Das muss in etwa so sein wie bei den Kellnern. Die geben grundsätzlich die Höhe ihres durchschnittlichen Trinkgeldes zu hoch an. Die Scottisch Flyboys zum Beispiel erzählten zwar von Tagesetappen über 150 Kilometer. Sie können aber, wenn man Gesamtstrecke und Anzahl ihrer Reisetage (1.300 Meilen in 4,5 Wochen) zusammenbringt, auf keinen Fall mehr als 75 Kilometer im Tagesschnitt zurückgelegt haben. Und das als Gruppe auf schnellen Rennrädern, in der man Windschatten fahren, sich gegenseitig anspornen und Ausrüstung verteilen kann.

06.07.2011

Camping

Great Views

Vor der Reise war ich davon ausgegangen, meist wild zu campen. Letztlich habe ich fast nur auf Campingplätzen übernachtet. Zum einen, weil sie so günstig sind, dass sich das Wildcampen nur bedingt lohnt. Zum anderen, weil Frankreich so dichträumig erschlossen ist, dass man gute Plätze erstmal finden muss. Und wer sehnt nicht nach einem heißen Tag im Staub der Straße eine (kühle) Dusche herbei?

Mir liegt der Menschenschlag der Camper. Zwar sind die Plätze so verschieden, wie die Leute selbst, aber es gibt eine Form von kultivierter Gemütlichkeit (man könnte fast sagen: Faulheit), die sich eigentlich überall findet. Niederländer, Franzosen, Briten, Italiener, Deutsche. Die meisten mit Wohnanhängern oder Wohnmobilen, manche auch mit majestätischen Zelten. Vom drei Meter hohen M.A.N.-Supercamper bis zum uralten holländischen Anhänger, dessen Dach für die Stehhöhe erst hochgekurbelt werden muss, war alles dabei. Auch hier zeigte sich wieder: Je einfacher, desto zufriedener wirkten die Leute.

Auf dem Platz in Altkirch schien ein Fendt-Treffen stattzufinden. Ob das ein Fanclub war oder die Belegschaft der Firma: Keine Ahnung. Fast alle Gäste des Platzes hatten Fendt-Wohnanhänger in Längen von 450 bis 700 Centimetern (das steht außen drauf). Da die meisten mit zwei Autos angereist waren, hatte die Hälfte auch noch einen Küchenanhänger, dessen Dach als Regenschutz fungiert. Genau. Es regnete aus Gießkannen. Unter den weit gespannten Vorzelten hatten ganze Sitzgruppen Platz. Dort tranken die Eltern Kaffee, während die Kinder auf ihren Rädern im Kreis fuhren. Bei Regen wurde der SUV darunter geparkt. Ein Paar hatte sogar die Hundehütte für den Bullterrier dabei. Mein kleines Zelt hielt dem Gewitter übrigens stand.

Mittlerweile scheint es ein Campingplatz in Südfrankreich ohne Pool nicht mehr weit zu bringen. D.h., dass man trotz des supergünstigen Reisens nach einem langen und heißen Tag eine luxuriöse Abkühlung nehmen kann. Lieber waren mir allerdings die Adressen mit nur einem oder gar keinem Stern, die nichts bieten als ein halbwegs ebenes, halbwegs schattiges Plätzchen, eine einfache Dusche und ein Klo (ohne Klopapier, das bringt man selbst mit). Die Leute dort waren mir angenehmer. Und die Preise natürlich höchstens halb so hoch.

Zum Beispiel traf ich den einsamen Mann mit Hund. Er bereiste das Tal der Doubs im alten Bürstner Wohnmobil mit Fiat-Unterbau. Der Mann saß abends im Klappstuhl vor seinem Klapptisch, eine Tasse Tee vor sich und die angegraute Hündin, ein großer Boxermischling, blickte mit ihm gemeinsam in den Sonnenuntergang. Dazu hörte er leise Pink Floyd. Einmal kam er rüber zu mir. Er hatte die freundlichsten traurigen Augen.

Klassisch sind Ehepaare jenseits der besten Jahre, die sich steif bewegen. Häufig sehr braungebrannt liegen oder sitzen sie stundenlang vor ihren mobilen Häusern, genießen abendes ein Fläschchen Wein und nutzen nicht selten Laptops, um dem Rest der Familie Emails zu schicken. Eltern mit kleinen Kindern, auch Radreisende, wirken oft wie pures Glück. Außer bei den Engländern, aber das ist eine andere Geschichte.

05.07.2011

Orientierung


Das Finden des Weges. Wie kann man es so gestalten, dass man nicht oft anhalten muss? Es gibt längst satellitengesteuerte Navigation für Radfahrer. Aber will man das? Auf eine kleine Maschine gucken, die anzeigt, ob es links geht, geradeaus oder rechts?
Für diese erste längere Radreise sollte es wenig Technik sein. Also Karten. Ich kaufte eine Michelin-Karte Frankreichs im A4-Format, Maßstab 1:200.000, und riss die entsprechenden Seiten heraus. Ein Motorradfahrer hatte mir Michelin empfohlen und lag damit richtig. Ein kleinerer Maßstab: Das wäre eine Menge Papier geworden.

Sich ab und an zu verfahren ist unvermeidbar. Man hat einfach manchmal so Tage.

Nicht nur die Scottisch Flyboys gehorchen der ersten Regel, die lautet: Never go back!
So habe ich es auch gehalten. Auch wenn ich die fünf schottischen Jungs genau in dem Moment traf, an dem ich zum ersten Mal ein Stück zurück gefahren war. Nicht umzukehren ist dumm. Es kostet Zeit und Nerven. Umwege werden niemals kürzer dadurch, dass man versucht, auf einem Bogen zurück zur eigentlichen Strecke zu finden. Trotzdem streubt sich alles in mir gegen des Umkehren. Überhaupt das Anhalten. Der Radfahrer ist an und für sich ein flüchtiges Wesen. Er sieht, nimmt auf und fährt vorüber: Das ist sein Geschäft.

Eine weitere Regel der Scottisch Flyboys, zugeschnitten auf Frankreich lautet: Stick to the D-roads!
Mit einem "D" gekennzeichnet sind die meisten Landstraßen. Das können kleine, gewundene Pisten zwischen winzigen Käffern sein oder auch vierspurige, gerade Schneisen in der Landschaft, auf denen die LKW's nur wenige Zentimeter am Ellbogen des Radfahrers vorbeirauschen. Eine Kategorie über den D-Straßen kommen die mit "N" gekennzeichneten (für National). Nicht zu empfehlen.

Die Flyboys sind einmal auf der Autobahn gelandet. Einer fuhr vor (wahrscheinlich Connor) und alle anderen hinterher. Einmal drauf, kann man nicht mehr zurück. Die Leute an der Raststätte haben sehr komisch geguckt, als aus heiterem Himmel fünf Radfahrer aufkreuzten.

Als Navigationssystem dient kleiner Zettel, den ich mir in die Radlerhose stecke. Darauf stehen Namen der Orte, die ich durchfahre, sowie die Nummern der Straßen. Meist komme ich damit bestens zurecht. Am letzten Tag habe ich die kleine Werkzeugtasche, die normalerweise unter dem Sattel hängt, an den Sattel gebunden. Da konnte ich die Karte reinstecken und während der Fahrt lesen. Hab mich trotzdem verfahren.

Verfahren passiert ohnehin nur im Kopf. Der Weg ist ja das Ziel. Das ist keine leere Phrase, sondern Tatsache. So, wie ich die Flyboys traf, als ich gegen die Regel zurückfuhr, so passieren die guten Dinge häufig dann, wenn man glaubt, vom Pfad abgekommen zu sein. Ich verfuhr mich besonders an den letzten zwei Tagen der Reise, an denen ich mir lange Strecken vorgenommen hatte, um endlich anzukommen. Dass es sehr heiß war, machte die Sache nicht leichter. Wer stetig fährt und sich nicht ärgert, wenn die Route anders ausfällt als geplant, der kommt, auch innerlich, am weitesten.

04.07.2011

Made it


Nach genau drei Woche bin ich in Armissan angekommen. Das Bild zeigt mich auf der letzten Anhöhe vorm Ziel.

Radreisen ist supergeil!

10.06.2011

Departure


In a few minutes I'll put the laptop into a box. I'll take that box to the post office and send it to France. Then I'll load my bike with four bags and set off. First a small journey to Belgium. On Monday a train is going to take me to Baden-Baden. From there it's about one thousand kilometres to Armissan. That's where the laptop is waiting. Then at the latest, I'll post my next entry.

So long - take your chances!

08.06.2011

Nachtrag zu 'Hanna'

'Hanna - Lola Rennt 2.0' enthielt einen Fehler: Saoirse Ronan war nur für den Oskar nominiert. Nichts für ungut!

Ideas Worth Spreading

This time we are talking about ten instead of four minutes. Bloody long for anything on the net. Well; I think, Lewis Pugh really has got something to say. Some of you might've heard of his swim across the North Pole in 2007. He literally went even higher. And anyhow - TED seems to be a wonderfull page to start your day...

06.06.2011

Bild des Tages #14

Lucky Number Seven

04.06.2011

Keith Richards - Life


'For Many years I slept, on average, twice a week. This means that I have been conscious for at least three lifetimes.'

(S.23)

'But what can you say about the first woman in your life? She was Mum. She sorted me out. She fed me. She was forever slicking my hair and staightening my clothes, in public. The humiliation. But it's Mum. I didn't realize until later that she was also my mate. She could make me laugh. There was music all the time and I do miss her so.'

(S.45)

'Mick never wants to talk to his women. They end up crying on my shoulder because they've found out that he has once again philandered. What am I gonna do? [...] The tears that have been on this shoulder from Jerry Hall, form Bianca, from Marianne (Faithfull), Chrissie Shrimpton ... They've ruined so many shirts of mine. And they ask ME what to do? How the hell do I know? I don't fuck him!'

(S.330)

Phrases:

'Dead as a doornail'

'All we've got to do is persevere'

'Once you have something, you just let it fly'

'Most guys I know are assholes. I have some great asshole friends'

'The gift of not being bothered'

02.06.2011

Take Four

Der Vorspann der Sopranos gehört zu den coolsten, die das Fernsehen zu bieten hat. Hier ist der Song in voller Länge. Vier Minuten Rock!