Max Pothmann | Autor | Bühnenbild & Requisitenbau | Köln-Bonn
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08.11.2015

Time Out


Im Sommer fuhr ich mit dem Rad durchs Wendland. Wir zelteten bei Privatleuten, was in der Gegend nicht unüblich ist. Ich zog mir am ersten oder zweiten Tag eine Zecke zu und entdeckte sie erst nach geschätzten 20 Stunden an meinem rechten Schienbein: Da hatte sie sich schon auf doppelte Stecknadelkopfgröße vollgesogen. Ich entfernte sie mit einer Pinzette, hatte nicht einmal das Herz, ihr den Garaus zu machen und warf sie in die Büsche.

Wie ich mittlerweile weiß, saugen Zecken Blut, geben aber das Wasser zurück an den Körper des Wirts: Sie sind nahezu perfekte Energiesparer - sie behalten nur die Nährstoffe. Aus dem Verdauungstrakt der Zecke, durch den das Blut gefiltert wird, können Borrelien, eine Gattung relativ großer, schraubenförmiger, gramnegativer Bakterien aus der Gruppe der Spirochäten übertragen werden. 

Erstes Zeichen: Die Wanderröte. Kreisförmig bildet sich ein roter Ausschlag um den Biss. In meinem Fall fiel sie so klein aus, dass man sie übersehen konnte: Ein Woche lang hatte ich einen roten Fleck von der Größe eines dickeren Mückenstichs, der ebenso juckte, wenn auch etwas ausdauernder. Wir waren ja auf Rädern unterwegs, es kam eine Zeit mit Regen und Kälte, wir bezogen wir ein paar Nächte eine krude Holzhütte in der Mecklenburger Seenplatte, die mir mittlerweile erreicht hatten. Ich betrachtete den roten Fleck einmal genauer im Kerzenlicht, dann vergaß ich ihn.

Zurück in Köln begann erneut der Arbeitsalltag. Es gab viel zu tun mit Barnes Crossing und der Kölner Tanzszene, mit der Werkstatt, mit meiner intensivierten Schreibarbeit. Es fiel mir schwer, mich nach dem Urlaub einzugliedern. Ich war leichter als sonst irritiert, oft müde - auch nach acht Stunden Schlaf und hatte bald das Dauergefühl, gleich krank zu werden. "Du arbeitest zuviel", dachte ich, und weil ich nicht weniger arbeiten konnte, lebte ich zumindest gesünder: Hörte auf, meine Guten-Abend-Zigarette zu rauchen, trank fast nie Alkohol und ging abends um elf ins Bett. Trotzdem war ich morgens gerädert und hatte große Mühe, mich aus dem Bett zu stemmen. Was war los? Was lief falsch? Bedrückte mich etwas? Wenn man sich das fragt, findet man immer etwas, oder nicht?

Acht Wochen nach dem Urlaub, etwa zehn Wochen nach dem Zeckenbiss war es soweit: Ich lief abends von Ehrenfeld in die Südstadt, um einen Freund zum Abendessen zu treffen. Ein dunkler, kühler Herbstabend. Ich bekam Schüttelfrost und leichte Gliederschmerzen. Die hatte ich noch nie gehabt. Schleppte mich durch den Abend, bestellte zu den Tapas von Turista Süd sogar noch ein zweites Glas Wein, beknackte Idee. Fuhr mit der Straßenbahn nach Hause, stieg die Treppen hoch und fiel ins Bett. Am nächsten Morgen war klar: Ich war krank und zwar richtig.

Die nächsten Tage verbrachte ich im Bett. Nachts schwitzte ich drei T-Shirts voll, die Gliederschmerzen blieben noch eine Weile und wurden von Kopfschmerzen abgelöst. Am Freitag Abend sollte eine Generalprobe sein, am Samstag ein von mir inszenierter Auftritt des Kwaggawerks bei der blauen Nacht in Nippes. Beide Termine musste ich schweren Herzens absagen: es ging einfach nicht (und es zeigte sich, wie ersetzbar man doch ist: Der Auftritt verlief bestens). Ich war so kaputt, ich konnte noch nicht einmal Filme gucken. Im besten Fall schaffte ich es, ein paar Kapitel Hörbuch zu hören, dann döste ich für eine halbe Stunde, schwitzte, wachte wieder auf. Am dritten Tag begann ich, Fieber zu messen: Meine Temparatur lag konstant über 38°, machmal stieg sie fast bis 40°. Montags ging ich zu meiner Hausärztin. Die Zecke war noch kein Thema: "Total unwahrscheinlich", war ihre statistisch sicherlich richtige Einschätzung. Sie verschrieb mir ein Standard-Antibiotikum. Ich dachte: Ich habe bestimmt eine Influenza, die wegen meiner Müdigkeit richtig zugeschlagen hat. Die Symptome stimmten jedenfalls.

Nach sieben Tagen war das Fieber noch immer nicht weg. Von der Dauerschlaflosigkeit und den Kopfschmerzen war ich buchstäblich ausgelaugt. Vor meinem Zimmer hing alles voll feuchter Kleidung, weil ich nachts so viel schwitzte. Ich ging wieder zur Ärtzin, die mir riet, mich stationär behandeln zu lassen. Meine Mutter holte mich im Auto und brachte mich an den Niederrhein, nach Kalkar, wo mein Vater im Krankenhaus arbeitet. Das war sicher angenehmer als ein überfülltes, anonymes Kölner Krankenhaus. Nachdem man mich komplett durchgecheckt und erneut Blut für diverse Testes abgenommen hatte, lag ich da. Endlich ein nicht total durchweichtes, klammes Bett. Ich bekam ein Schmerz- und Fieber senkendes Mittel und schlief, schlief, schlief eine Woche lang schlief ich nachts, vormittags und nachmittags und aß zwischendrin die Krankenhaus Mahlzeiten an denen das Beste ihre Regelmäßigkeit war.

Nach einigen Tagen wurde eine Lungenentzündung festgestellt: Wieder bekam ich Antibiotikum. Danach konnte ich noch besser schlafen. Und nach über zwei Wochen Krankeit kam das Testergebnis: Borrelien Antiköper im Blut. Die Zecke hatte mich erwischt. Und damit klärte sich einiges: Ich hatte die "Lyme-Borreliose". Erste Anzeichen nach der Wanderröte: 6-12 Wochen Müdigkeit.

Die Borrelien wurden weiter mit Antibiotkum behandelt. Nach zehn Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und schlufte weitere fünf Tage durch das Haus meiner Eltern. Das ist jetzt drei Wochen her. Ganz langsam erreiche ich meine volle Arbeitsfähigkeit. Habe sogar schon eine Zigarette geraucht und gedacht: Das könnte ich auch sein lassen.

08.08.2015

Drei Wochen weg

Nach drei Wochen komme ich aus dem Urlaub nach Köln zurück. Wenn man von drei Nächten in einer kruden Nurdach-Holzhütte absieht, war ich ununterbrochen draußen. Habe kaum Verkehr gesehen, selten Netz gehabt, kaum Werbung, fast nie Spiegel. 

Sinnbild für das Atommüll-Endlager im Wendland: Ein großer Haufen Mist.

Wir sind mit dem Rad von Schnega an der Südspitze des Wendlandes nach Norden an die Elbe gefahren. Dieser folgten wir nach Osten bis Dömitz und fuhren über Ludwigslust (von Mecklenburgern "Lulu" genannt) nach Plau am See. 

In Dömitz trafen wir auf Einrad-Reisende aus Lübeck. So viel Körperspannung!

Buchstäblich über Stock, Stein und durch die Wälder ging es weiter zur Müritz und von dort nach Mirow. In dieser Gegend, in der viele, miteinander verbundene Seeen ein Paddlerparadies bilden, blieben wir eine Woche. Drei Tage paddelten wir vom Rätzsee zur unter Paddlern berühmten Schwaanhavel. Nach einer Strecke mit Wolken und Regen schien nun die Sonne jeden Tag von früh bis spät. So mancher Zeltplatz erweckte Festivalerinnerungen: Voll war es. Man konnte nicht anders, als links und rechts die Gespräche der Mitcamper aufzuschnappen. Unter anderem trafen wir immer wieder auf eine Sechser-Gruppe junger Leute aus Leipzig, die vom ersten Moment des Tages - gerne vor 7:30 - ohne Punkt und Komma plapperten. Plappern, das kann ich selbst, dachte ich, drehte mich um und entschied, lieber aufzustehen. Rundherum das große Packen. Wir gehörten zum langsamsten Drittel, schließlich war das Urlaub!

Romantik um fünf Uhr morgens am Priepertsee - bevor die Mitcamper zu schnattern beginnen.

Nachdem wir das Boot zurückgegeben hatten, fanden wir einen versteckt liegenden Waldzeltplatz am Mössensee. Hier war der große Strom vorbeigezogen. Unser Zelt stand zwischen Kiefern, die Hängematte hing perfekt nebenan. Lag man auf dem Rücken, bildeten die Baumkronen einen Kreis mit Loch in der Mitte, durch das der Himmel hineinschien. Ein junger Hase wohnte im Holzstapel auf der anderen Wegseite, er kam morgens zum Frühstück hervor und ließ sich von uns nicht stören. Specht, Zaunkönig und Kleiber statteten uns Besuche ab. 

Camping am Mössensee

In Fürstenberg an der Havel übernachteten wir ein letztes Mal zu zweit. Wir konnten mittlerweile mehrgängig auf dem Kocher kochen. Wir befanden uns nun in der Einflugschneise der Berliner Urlauber-Szene. Auf einem Campingplatz hatte man das Gefühl, Kreuzberg sei dorthin verfrachtet worden. Mittvierziger mit Kleinkindern, mit großer Wahrscheinlichkeit kulturschaffend und auf jeden Fall Bio! bildeten eine massive Mehrheit. Dazu kamen Radreisende auf der Strecke Berlin-Kopenhagen, die sich lohnen soll.
Die letzten zwei Tage fuhr ich allein. Von Fürstenberg ging es nach Osten einmal quer durch Brandenburg. Die berühmten Alleen sind Wirklichkeit - oft fuhr ich halbstundenlang allein über kleine Landstraßen, genoss die weiten Aussichten Richtung Norden und ließ mich von der Sonne braten. Zufällig geriet ich am Rande eines großen Militär-Sperrgebietes an der Grenze zu Mecklenburg auf den Campingplatz Blanschen. Dieser Ort ist nicht auf Karten aufgeführt und damit ein Geheimtip. Mein Blog ist geheim genug, so dass ich ihn hier nennen kann. Wer sich die Mühe machen möchte ihn zu finden, wird es nicht bereuen (genau wie den Platz am Mössensee).

Ein letztes Idyll am Dranser See: Naturcamping Blanschen in der Morgensonne

Nach einem weiteren Tag auf dem Rad übernachtete in der Nähe von Parchim. Von dort wollte ich am nächsten und letzten Tag die kleine Regionalbahn nach Ludwigslust nehmen, um mit dem Zug nach Hause zu fahren. Morgens stand ich auf, es war knallheiß, meine Haferflocken waren aufgegessen, so dass es zum Frühstück nur Kaffee und zuckrige Waffeln gab und stellte fest, dass ich noch fünf Stunden hatte bis zur Abfahrt meines Zuges. Nach Ludwigslust waren es mit dem Auto 33 Kilometer, mit dem Rad vielleicht 40. Die fuhr ich noch.

17.07.2015

Bild des Tages #78

Kondensstreifen am Himmel. Alle zeigen Richtung Urlaub. Für uns geht es am Sonntag ins Wendland. Wir fliegen mit unseren Fahrrädern und schauen von unten in den Himmel.