Max Pothmann | Autor | Bühnenbild & Requisitenbau | Köln-Bonn
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06.01.2013

+++ Film Ticker #4 +++

Drei Schwergewichte der Saison in Kürze:

Cloud Atlas

Tom Tykwer und die Wachowski Brothers wagen sich an die sechsflächige, komplex komponierte Romanvorlage David Mitchells. Die Ambitionen der Macher sind hoch und werden so stringent verfolgt, dass man Klogriffe beim Makeup gerne verzeiht. Das Fünf-Sterne-Ensemble, die feine Kamera und der Schnitt, der sechs höchst unterschiedliche Geschichten zu einer zu verschweißen vermag, machen aus Cloud Atlas Meilensteinkino.

James Bond - Skyfall

Von vielen als bester Craig-Bond bezeichnet, schlägt Skyfall leisere Töne an als seine beiden Vorgänger. Regisseur Sam Mendes sucht statt schneller, harter Action die feinere Charakterzeichnung im Dreieck: Daniel Craig, Judie Dench und Javier Bardem, flankiert von Ralph Fiennes, Naomie Harris und Ben Wishaw (großartig in Cloud Atlas) machen Skyfall beinahe zu Charakterkino; leider gespickt mit selbstreferentiellen Zoten, die den Zuschauer aus der Geschichte saugen. Das Finale ist ein optisches Fest.

Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger

Schon die Romanvorlage des kanadischen Autors Yann Martel konnte als Lebensveränderer gelten. Hier stürmt nun ein maritimes Bilderfest in die Kinos, welches seiner vielschichtigen Vorlage gerecht wird und das Medium 3D-Kino buchstäblich mit Tiefgang zu nutzen versteht. Regisseur Ang Lee beweist anhand der Geschichte von Piscine Molitor Patels 227 Tagen als Schiffbrüchiger mit Tiger, dass auch ein 120-Millionen-Buster poetisch, besinnlich und sanft sein kann.

27.05.2011

"Hanna" - Lola Rennt 2.0

Some Stylish Switchblade!

Stille Winterlandschaft. Die ersten Bilder sind so leise, dass ein Kinogast rausgeht und fragt, ob die den Ton anmachen können. Die vielleicht 13jährige Hanna jagt mit Pfeil und Bogen ein Rentier im finnischen Schnee. Ihr Vater (Eric Bana) schleicht von hinten heran. Die beiden prügeln sich, die prügeln sich richtig. Weil sie nicht aufmerksam genug war, muss Hanna den 200 Pfund schweren Bullen allein nach hause karren. Nach hause: Das ist ein Hexenhäuschen im Wald - der erste deutliche Hinweis darauf, dass wir uns hier in einer märchenhaften Parabel befinden.
Die folgenden Spielwiesen sind ein eisenharter Bunker; rote Steinwüste; on the Road mit der Hippiefamilie im Wohnmobil; Flamenco; das blonde Mädchen und der Kuss; eine Containerlandschaft und zuletzt ein schön schmuddeliges Berlin.

Hanna kann zwar kämpfen und Tiere ausnehmen, aber sonst muss sie vom Leben viele Grundlagen erst lernen. Beim Küssen dekliniert sie Anzahlen der involvierten Gesichts- und Haltungsmuskeln durch, nur um dem sanften Spanier aufs Maul zu hauen, als man glaubt, es wäre endlich soweit.

Joe Wright inszenierte bereits mit Atonement ein stilistisches Meisterwerk, in dem Bild, Musik, verschachtelte Ort- und Zeitebenen sowie der brilliante Cast sauber und dicht ineinandergriffen.
Mit Hanna treibt er dieses Spiel noch weiter; er entwirft eine moderne, gleichzeitig von klarer Bildsprache und Schmuddel geformte Parallelwelt, vor deren Hintergrund die Figuren zu kühlen Symbolen werden. Vielleicht soll ihnen das Blut manchmal fehlen - denn hochkonzentrierter Stil und Visualität lassen sich nunmal mit Wärme schwer verbinden. Saoirse Ronan, die für ihre Rolle als gleichzeitig hochbegabte und verwirrte Briony in Atonement als bisher jüngste Schauspielerin mit einer Oskarnominierung ausgezeichnet wurde, trägt diesen Film an Bana und der Hexe Cate Blanchett vorbei. Der Puls der Musik von den Chemical Brothers verstärkt den Eindruck, man sähe hier Lola 2.0 - nur noch besser eben.

Am Ende: Laufen, laufen, laufen - in Szene gesetzt von Leuten, die sich Tom Tykwers Berlinmovie genau angeschaut haben. Lola und die Stadt, denn die darf - auf ranzige Art und Weise - ihre tatsächliche Märchenhaftigkeit unter Beweis stellen. Der ZOB und seine U-Bahn-Station zum Beispiel, ein besonders hässliches Dreckloch, das ankommende Reisende gleich aller Illusion darüber beraubt, Berlin könne doch eine nette Stadt geworden sein.

Zum Glück! Zum Glück, denkt man, verliert dieser Film nicht wie so viele Stilversuche den Faden, auf dem er sich in den ersten, klaren Bildern abrollt. Wie häufig würde man sich in den Kampfsequenzen ein wenig mehr Logik wünschen. Hannas Vater legt zwar locker vier CIA-Agenten auf einmal um, scheitert jedoch am einzelnen Neonazi. Aber was macht's?

Die Geschichte beginnt mit Hannas Worten: I missed your heart. Und endet bei den Brüdern Grimm, im Mund des Wolfes. Der Hirsch vom Anfang taucht wieder auf (ein Weibchen wohl, diesmal - die Zukunft) und Hannas sagt den gleichen Satz erneut, bevor sie am Abzug zieht: I missed your heart.

Kinder und Gewalt. Kick-Ass mit Nicolas Cage und Mark Strong war ein Film, der sich daran versuchte und dabei maßlos über die Strenge schlug. Hanna erinnert an X-Men (der mit einem vierten Teil vor den Toren der Kinos wartet), bleibt dabei inhaltlich jedoch vage und zelebriert Gewalt immerhin nur indirekt.

Randgedanken: Wir haben aufgehört zu träumen.
Umgeben von so vielen Bildern, in denen geträumt wird, liegen wir längst nicht mehr nachts wach und starren stundenlang auf ein einziges Foto der Geliebten. Lieber schalten wir den Fernseher oder den Kulturbetrieb ein und sehen anderen beim fühlen zu. Denn viel zu fühlen, das tut immer auch ein bisschen weh.

01.02.2011

+++ Film Ticker +++

Hier ein paar aktuelle Filme in drei Sätzen:

'Drei'
Tom Tykwer hat sich nach zwei Großprojekten wieder auf die Graswurzeln besinnt. Es gelingt ihm, einen Engel durch herbstliche Straßen schweben und Hermann Hesses 'Stufen' rezitieren zu lassen, ohne dass die rote Achtung-KUNST!-Fahne hochklappt. Getragen wird der Film von den Darstellern, allen voran Devid Striesow, der so wohltuend unmimisch alles von innen spielt, wie man es selbst bei den ganz guten deutschen Schauspielern nur selten sieht.

'La Danse'
Ein kommentarloser Dokumentarfilm von 2 Stunden 40 Minuten Länge. Gerade die Dauer vermittelt einen Eindruck der Freuden und Mühen des Tänzerberufs, selbst wenn das Bild milde geschönt bleibt. Am Ende wird man verstehen, warum Berufstänzer mit 40 in Rente gehen und freut sich über so viel Schönheit in der Welt.

'Black Swan'

Ich würde den Machern des Trailers mal gerne nachts im Dunkeln begegnen. Wer so viel verrät, ist selber schuld. Als Natalie Portmann sich im Klo einschließt, um ihrer Mutter weinend von der Hauptrollen-Zusage zu berichten, erreicht das zu Recht allseits hochgelobte Schauspiel bereits seinen Höhepunkt.

'72 Stunden - The Next Three Days'
Paul Haggis schrieb jahrezehntelang mit bescheidenem Erfolg fürs Fernsehen und ließ sich davon weder entmutigen noch abstumpfen. Nach L.A. Crash beschert er uns Bombenspannung und pures amerikanisches Familiendrama in einem. Und als Actionheld einen Literaturdozenten, der Toyota Prius fährt.