31.07.2012

Orangensaft, Warten und Warm-upper

Neulich im Fernsehen: Es war weit bis dahin. Erst fuhr ich mit der Straßenbahn, dann mit dem Bus und hinterher ging ich zwanzig Minuten zu Fuß durch Sonnenschein. Als ich verschwitzt beim Fernsehen ankam, war ich verwundert: Es gab überhaupt keine Schlange vor der Tür! Mutig betrat ich das hallenförmige Gebäude und sah, dass alle schon drinnen standen: Ungefähr tausend Leute - alle meine Bekannten.

Ich hab das nachgezählt. Alle meine Bekannten - auch die entfernteren - ergeben zusammen etwa tausend Leute. Sie standen in kleinen Gruppen in dieser Halle und tranken Orangensaft, den ihnen das Fernsehen umsonst geschenkt hatte, um die Wartezeit angenehmer zu gestalten. Die Leute sahen mich an. Sie fanden es sehr schlau, dass ich so spät gekommen war (sie dachten, ich hätte das mit Absicht gemacht). Dabei hatte ich bloß nicht geahnt, das der Weg so weit sein würde. Und wenn ich das mit dem Warten und dem Orangensaft gewusst hätte, dann wär ich noch später gekommen.

Mittendrin stand eine Gruppe ohne Plastikbecher voll Orangensaft in den Händen, nein, die hatten sich selbst Bier mitgebracht, weswegen sie von umliegenden Grüppchen neidisch beäugt wurden. Einige der Biertrinker gehörten zu meinen engeren Bekannten: Brüderlich gaben sie mir eine Flasche ab. Wir tranken und warteten zusammen. Aber nicht sehr lange. Ein Anheizer erschien. Das sind die Leute, die man im Fernsehen selber nie sieht - die sorgen dafür, dass die Zuschauer, die in den Sendungen sitzen, gute Laune haben, besonders viel klatschen und extralaut lachen. Ganz offiziell heißen sie Warm-upper.

Dieser hier kam mir vor wie die schlimmsten Angebertypen damals in der Schule. Typen, die eine große Klappe haben, aber niemals etwas tun oder zeigen, das gut ist. Alles was die können, ist laut laut laut reden. Seine Methode überraschte uns nicht: Er suchte sich unter den schmächtigsten Damen eine besonders schmächtige aus, setzte sie auf einen Stuhl und spielte Talkshow mit ihr. Um die Zuschauer zum Lachen und Klatschen zu bringen, machte er sich über sie lustig. Zum Beispiel legte er ihr in den Mund, sie würde ihre Unterhosen nur einmal in der Woche wechseln und ritt anschließend darauf herum.

Wir Biertrinker fanden den so doof, dass wir beschlossen, das Fernsehen zu verlassen und eine Wiese zu suchen. Wiesen, fanden wir, sind viel sinnvoller als Fernsehen mit Orangensaft, Warten und Warm-uppern.

Bevor wir gingen, rief ich "Buuhh!" Richtung Anheizer. Vor der Halle sank der Tag schon langsam dahin. Es war noch immer so warm wie Urlaub. Wir fanden eine Wiese in Sichtweite und losten eine Bierdelegation aus, die mit zwei Tüten voller Flaschen zurückkehrte, als die Sonne sich gerade hinter einem Baum zu verstecken begann. Die Tüten waren leergetrunken, als die restlichen 990 Leute aus dem Fernsehen herauskamen. Sie sahen müde und verbraucht aus. Das Fernsehen nimmt einem natürlich auch was weg. Die Leute ja hatten den ganzen Tag sehr fleißig gewartet, geklatscht und extralaut gelacht.

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