19.04.2013

Florian Illies - 1913


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Kaleidoskopartig setzt der frühere FAZ-Feuilletonist Florian Illies Zeitdokumente, biographische Schnipsel und Momentaufnahmen aus zahllosen Briefen und Tagebucheinträgen zu einem Guckloch zusammen, das den Leser mitten hineinführt in die Kunst- und Geistesszene des Jahres 1913, in dem die Weltgeschichte förmlich anzuschwillen schien, bis sie den Druck nicht mehr aushielt und Chaos sich in Wellen über das zwanzigste Jahrhundert auszubreiten begann.

Kann es wirklich sein, dass Hitler und Stalin einmal gleichzeitig im Schlosspark Schönbrunn spazieren gingen, sich vielleicht sogar grüßten, lange bevor sie zu Diktatoren wurden? Und ist Oskar Kokoschka tatsächlich ein so unglaublicher Mensch gewesen, einer, der seine Modelle bestieg, sobald es ihn überkam und einer, der seine zweite Lebenshälfte mit einer originalgetreuen Puppe von Alma Mahler teilte?

Endlich wird Rilke zu einem Menschen aus Fleisch und Blut - da hatte mir die Biographie kaum geholfen. Und Kafka erst, der König aller Zauderer! Franz Marc wird sympathischer denn je und mehr denn je wünscht man, einmal in diese Zeit hineindippen zu können, als Kunst noch Existenzkampf war, als Duchamp, dieser stille Held, kommentarlos sein erstes Ready-Made baute, als es noch Mäzene gab und als sich noch alle untereinander kannten.

Florian Illies schafft mit 1913 eine Verneigung vor den Müttern und Vätern der Moderne. Gleichzeitig behält er stets ein Zwinkern im Auge - ein Zwinken, mit dem er das menschliche Tun immer wieder herunterbricht auf die Frage: Träumst du noch - oder lebst du schon?


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